Monday, April 22, 2024
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Gastbeitrag präsentiert von Dirk Ziems: „Deutschland-Psychogramm“ zeigt, wie wir tatsächlich über Israel und Hamas denken

In den vergangenen Wochen wurde die deutsche Öffentlichkeit mit erschreckenden Bildern des Hamas-Terrors und den Gegenangriffen Israels konfrontiert. Diese Bilder wirken gleichzeitig weit entfernt und sehr nah. Im Vergleich zum Ukraine-Konflikt hat der Streit über Israel und Hamas nun in Deutschland eine viel stärkere Präsenz.

Jüdische Mitbürger erleben Anfeindungen und Bedrohungen und empfinden nach 80 Jahren wieder Angst vor Verfolgung in Deutschland. Gleichzeitig gibt es Demonstrationen von arabischstämmigen Bürgern, die gegen die Bombardierung unschuldiger Palästinenser protestieren. Dabei sind auch einige, die die Hamas unterstützen und sogar die Existenz Israels in Frage stellen.

In einer Reihe von ausführlichen Interviews mit den betroffenen Parteien konnten wir genauer auf die unversöhnlichen Standpunkte und Erzählungen eingehen. Der Versuch, beide Parteien an einen Tisch zu bringen, scheiterte. Aus den Einzelinterviews konnte jedoch die Logik der unterschiedlichen Erzählungen und die damit verbundene emotional aufgeladene Stimmung genau rekonstruiert werden. So entsteht ein umfassendes Bild der Positionen von Deutschen, Juden und arabischen Gemeinschaften.

Was bedeutet „Staatsräson Israel“ genau?

Die einhellige Meinung der deutschen Befragten zeigt eine innere Zerrissenheit: Man empfindet Sympathie für die Israelis, hofft jedoch, dass sie sich bei ihren Militäraktionen zurückhalten und kein Flächenbrand entsteht. Gleichzeitig fühlt man mit den zivilen Opfern auf palästinensischer Seite und kann den Standpunkt der Palästinenser nachvollziehen, wobei man sich entschieden von den Hamas-Terroristen distanziert. Die viel beachtete Rede von Vizekanzler Robert Habeck zu einer ausgewogenen und konsequenten Positionierung für die deutsche Verantwortung schien einen Weg aufzuzeigen.

Jedoch, wenn wir in unseren Interviews genauer nach dieser Rede fragen, verwickeln sich die meisten in Widersprüche und es bleibt unklar, was „Staatsräson mit Israel“ überhaupt bedeutet: „Wir fühlen uns als Deutsche schon verpflichtet, wissen aber nicht genau wozu“, ist der Tenor. Das deutsche Prinzip gilt sowohl für den Nahostkonflikt als auch für die Ukraine – angesichts der multiplen Krisen und Kriege: „Um jeden Preis sollten wir uns auf keinen Fall einmischen.“

Das Trauma des Holocausts wiederholt sich

Jüdische Befragte empfinden die deutsche Position als „halbherzig“ bis „kaltherzig“. Ihr Standpunkt: „Was haben all die Holocaust-Rituale für einen Wert, wenn das ‚Nie-wieder‘ doch nicht zählt, sobald es wirklich darauf ankommt? Die Hamas will die Juden auslöschen, nicht anders als die Nazis. Doch die Intellektuellen in Deutschland schweigen dazu.“

Hintergrund des Mangels an Empathie ist auch das Unwissen vieler Deutscher. Ihnen ist nicht bewusst, dass Juden weltweit die Hamas-Terror-Attacken als historischen Epochenbruch erlebt haben. Mit dem Massaker an jüdischen Zivilisten hat sich für die Juden das Trauma des Holocausts wiederholt. Erstmals in der Geschichte ist die Schutzfunktion des Staates Israel infrage gestellt und Juden weltweit drohen, wieder wehrlos der Verfolgung ausgesetzt zu sein.

Zentrale Erkenntnis des „Deutschland-Psychogramm“: Eine „Staatsräson“ kann den Deutschen nicht verordnet werden. Ein weiterer Einblick in das kollektive Mitgefühl der Nation ergibt sich aus der Studie.

Immer mehr Krisen belasten die Bürger

Die Überforderung der Bevölkerung durch diverse Krisen (Corona, Klima, Inflation) und nun auch Kriege (Ukraine, Israel) führt zu einer neuen Belastungsstufe, die von anfänglicher Schockstarre zu einer Abstumpfung führt. Viele wollen nichts mehr vom Krieg hören und halten sich – wieKinder bei einem Gruselfilm – schließen ihre Augen oder werfen höchstens einen flüchtigen Blick durch einen schmalen Spalt zwischen ihren Fingern auf die Konflikte.

Infolgedessen entwickeln die meisten Befragten auch keine vernunftbasierten, durchdachten und kohärenten Einstellungen und Ansichten zu den Konflikten, sondern höchstens eine schwankende Empathie mit den Menschen in der Ukraine oder in Israel – je nachdem, welche beunruhigenden Bilder sie in den Medien gelegentlich aufschnappen. Dies zeigt sich insbesondere bei Fragen zu Waffenlieferungen für die Ukraine und einer verstärkten Solidarität mit Israel. Weder eine konsequente Solidarität mit Israel noch mit der Ukraine ist in der deutschen Bevölkerung vorherrschend. Es ist vielmehr eine Minderheit, die kämpferische Positionen pro Israel oder pro Palästina vertritt. Die Mehrheit schweigt und flüchtet in das Private, Gemütliche und Unpolitische.

Die Krisen und Konflikte unserer Zeit verdichten sich zu einem komplexen Szenario, das die Bürgerinnen und Bürger von allen Seiten umgibt: Eine neue Weltordnung der Instabilität, Gewalt und des Chaos geht einher mit innerer Desorientierung und Radikalisierung, kombiniert mit düsterer werdenden Aussichten hinsichtlich wirtschaftlicher Perspektiven in Deutschland sowie allgemeinen Bedenken hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des Landes.

In der Amtszeit von Merkel wurden Krisen eingedämmt, in der Regierungszeit von Scholz häufen sie sich

Während in der Ära von Merkel der Eindruck aufrechterhalten wurde, dass einzelne Krisen nacheinander nach einer gewissen Zeit zumindest beruhigt und eingedämmt wurden, macht sich in der Amtszeit von Kanzler Scholz der Eindruck breit, dass sich die Krisen häufen, sich gegenseitig verstärken und in eskalierenden Ketten miteinander verknüpfen. Und das trotz all der Erklärungen von Scholz über “historische Entscheidungen”, “Bazooka” und “Doppelwumms”.

Die Folge: Selbst diejenigen unter den Befragten, die den Anspruch erheben, sich durch politische Nachrichten und Hintergrundberichte sachlich und ausführlich zu informieren, geraten in den Sog der Überlastung. Grundtenor: Ich muss mich mal für ein paar Tage von allen Nachrichten abkapseln, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Eine Erkenntnis des “Deutschland-Psychogramms”, die Politikerinnen und Politikern besondere Sorgen bereiten sollte: Niemand glaubt mehr an baldige Lösungen für die Konflikte oder echte Beruhigung. Die Menschen haben nur noch vage Hoffnung. Dies ist kein Vertrauensbeweis für das Krisenmanagement der Ampel-Regierung und für die Politik im Allgemeinen.

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