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Buchauszug „Es gewinnen alle oder keiner“: Die perfide Taktik aller Populisten anhand dieser Putin-Äußerungen

Als Wladimir Putin am 24. Februar 2022 aus seinem Moskauer Büro der Welt erklärte, warum er seine Soldaten in den Morgenstunden dieses Donnerstags die Ukraine überfallen ließ, bediente er sich der gleichen Lüge, mit der Populisten seit jeher Schreckenstaten rechtfertigen:

„Uns wurde einfach keine andere Wahl gelassen. (…) Wir müssen Russland und unser Volk verteidigen. Die Umstände verlangen von uns, dass wir entschlossen und sofort handeln.“

Putin legte seinen Aussagen ein Schreckensszenario zugrunde, das, wäre es wahr, jeden Krieg rechtfertigen würde: In der Ukraine hätten Neonazis Russischstämmige ermordet. Sie strebten nach Atomwaffen und der Vernichtung Russlands. Die Nato als “Lügenimperium” pumpe das Land mit neuesten Waffen voll. Für Russland sei es “eine Frage von Leben und Tod”. Aufgrund des Selbstschutzes und der Unfähigkeit seiner Regierung, Verbrechen auf “historisch russischem Gebiet” länger hinzunehmen, habe er “eine besondere Militäroperation” angeordnet, so Putin: „Wir mussten diesen Albtraum beenden, denn diese Menschen können nur auf uns hoffen.“

Von Diktatoren, die Kriege entfesseln, bis hin zu Jugendlichen, die eine Schlägerei anzetteln – allen gemein ist die gleiche Ausrede

Zu diesem Zeitpunkt hatte Putin seine Truppen seit Monaten an der russisch-ukrainischen Grenze zusammengezogen, am Tag vor dem Überfall aber noch alle Angriffspläne geleugnet.

  • Obwohl seine Panzer mit Zeitplänen zur Eroberung der gesamten Ukraine Richtung Kiew rollten, behauptete er, lediglich einige Gebiete im Osten des Landes zu „befreien“.
  • Obwohl er von tausenden russischen Toten in der Ukraine sprach, wusste er, dass fast alle nicht uniformierten Soldaten in dem von ihm 2014 angezettelten Krieg im Osten des Landes starben.
  • Obwohl er vorgab, einen erfundenen Genozid zu verhindern, wusste er wahrscheinlich, dass seine Soldaten in den eroberten Gebieten Zivilisten massakrieren würden.

Die angebliche Mobilmachung der Nato gegen Russland, die angeblich mit modernsten Waffen vollgestopfte Ukraine, die angeblichen verzweifelten Friedensbemühungen Putins – alles Propaganda.

Von Diktatoren, die Kriege entfesseln, bis hin zu Jugendlichen, die eine Schlägerei anzetteln – allen gemein ist die gleiche Ausrede: Der andere hat angefangen.

Putin wendet die gleichen Kniffe an wie alle Populisten vor ihm

Trotz offensichtlicher Lügen zur Rechtfertigung des Überfalls unterstützten laut Umfragen nach Kriegsbeginn rund 80 Prozent der Russen den Krieg. Putins Propaganda-Maschine hatte ihnen jahrelang die Bedrohung durch Nato, USA und Ukraine eingeredet. Dass der Diktator nun gegen die angebliche Gefahr losschlägt, erscheint folgerichtig.

Putin wendet die gleichen Kniffe an wie alle Populisten vor ihm. Das wird durch die Rede eines Diktators in einer ähnlichen Situation verdeutlicht.

Als Adolf Hitler am 1. September 1939 vor den Deutschen Reichstag trat, hatte auch er seinen Soldaten einen lange vorbereiteten Angriff befohlen, den er bis zum Vortag leugnete: In den Morgenstunden hatte das Schlachtschiff Schleswig-Holstein eine polnische Garnison bei Danzig beschossen, Sturzkampfbomber hatten das Krankenhaus der Stadt Wielun zerstört und Zivilisten in den Straßen erschossen. Hitlers Überfall auf Polen läutete den Zweiten Weltkrieg ein, der Millionen Leben auslöschte und viele deutsche Städte vernichtete. Im Reichstag jubelten dennoch selbst Pazifisten, als Hitler rief: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“

Auch Hitler rechtfertigte seinen Überfall mit „schweren Gräueltaten“, die erst seine Truppen anrichteten.

Auch er behauptet, dass seine Interessen auf einen kleinen Teil eines Landes beschränkt sind, obwohl er nach dessen gesamten Gebiet und mehr strebt. Er sagt auch: “Man sollte meine Liebe zum Frieden und meine unendliche Geduld nicht mit Schwäche oder gar Feigheit verwechseln!” Auch er kommt damit durch, weil er jahrelang seine Feindbilder in die Köpfe der Bevölkerung eingepflanzt hat.

Christian Masengarb, 1987 in Sonneberg (Thüringen) geboren, ist Politikwissenschaftler, Historiker und Redakteur. Nach dem Studium an der Universität Jena und der Journalismus-Ausbildung beim Münchner Merkur wechselte er zu FOCUS online. Da Populismus nun auch in Deutschland als die gesellschaftszerfressende Kraft angesehen wird, wie er es bereits im Studium und in englischsprachigen Werken beschrieb, hat er ihm nun sein erstes deutsches Werk gewidmet.

Wer die Bösen sind, wird nach Belieben festgelegt

Alle Populisten verkünden dasselbe Muster des Denkens: Sie errichten Feindbilder, präsentieren sich als einzige Beschützer und legitimieren schreckliche Maßnahmen als notwendiges Übel im Kampf gegen das vermeintlich unendlich Böse.

Mit dieser Strategie stachelt auch Donald Trump seine Anhänger am 6. Januar 2021 zu einem Angriff auf den US-Senat an. Trump hat über Jahre Feindbilder aufgebaut. Er hat Andersdenkende, Demokraten und Medien als Bedrohung dargestellt. Für seinen Staatsstreich verbindet er diese Feindbilder mit seiner Erfindung des Wahlbetrugs. Ohne Beweise treibt er seine Unterstützer zum Sturm auf den Staat, den sie zu verteidigen glauben.

Dass Trump die Präsidentschaft nicht friedlich übergibt, war absehbar. Sein Versprechen, das Land zu alter Größe zurückzuführen (“Make America Great Again”), folgt dem Muster des Populismus: Wenn die USA großartig waren, es aber nicht mehr sind, müssen böse Kräfte sie ihrer Größe beraubt haben. Trump behauptet, die Bösen zu besiegen und das Gute zurückzubringen. Wer die Bösen sind, legt er nach Belieben fest. Dasselbe Muster wie Hitler und Putin. Wer das Muster versteht, erkennt Trumps Ziel.

Andere Populisten behaupten nach dem Feindbild-Muster, Arme müssten Reiche besiegen, Einheimische Migranten oder diejenigen, die den Lauf der Geschichte erkannt haben, diejenigen, die es nicht haben. Viele behaupten alles zusammen. Antisemiten logen in den 1920er-Jahren, dass gierige jüdische Banker mittels einer kommunistischen Revolution nach der Weltherrschaft griffen. Den offensichtlichen Widerspruch – Banker helfen Kommunisten – übersahen ihre Anhänger so bereitwillig, wie die Unterstützer heutiger Populisten deren Widersprüche übersehen.

Alle nutzen dieselben Techniken

Die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt formuliert es so: “Hinter jeder Verschwörung steckt ein Kollektiv, das eine andere Gruppe bedroht. Die Opfer sind den Verschwörern zahlenmäßig überlegen, bleiben aber wegen ihrer Unkenntnis von der Verschwörung hoch verwundbar. Diejenigen, die die Verschwörung aufgedeckt haben, müssen die Opfer aufklären. Die Verschwörer verfolgen ihre Ziele diabolisch raffiniert und viel geschickter als ihre Feinde. Mit fast mystischen Fähigkeiten ausgestattet, kontrollieren sie Börsen, Banken und Medien. Sie haben ähnliche Verschwörungen bereits in der Vergangenheit erfolgreich umgesetzt und werden sicher auch dieses Mal siegen, wenn sie niemand aufhält.”

Lipstadt, die sich mit Holocaust-Leugnern befasst, bezieht sich auf Verschwörungstheorien gegen Juden. Ihre Definition beschreibt jedoch das Weltbild aller Populisten. Alle nutzen die gleichen Techniken.

(Ad): The publication by Christian Masengarb

Everyone triumphs or none: How to safeguard our society from the self-destruction brought about by populism

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