Sunday, April 14, 2024
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Zwischen Licht von Kerzen und Abfalltoilette: Friedmunt lebt seit 30 Jahren ohne Elektrizität im Wald: „Das ist das tatsächliche Leben“ Abseits der benachbarten Gemeinden, inmitten des Waldes, liegt das Grundstück, das Friedmunt Sonnemann seit mehr als 30 Jahren sein Zuhause und seine Arbeitsstätte nennt. Hier im Moseltal, etwa 50 Kilometer von Trier entfernt, hat er seinen Hof zur Vermehrung von Saatgut aufgebaut und zusammen mit seinen Kollegen einen alternativen Lebensstil gewählt. Mobiltelefon und Computer sind dem 57-Jährigen gänzlich unbekannt. Solche Geräte repräsentieren eine „sehr unwirkliche Existenz“, sagt Sonnemann. Stromleitungen waren auf der Königsfarm niemals vorhanden. Abends erhellt eine Kerze seine Hütte. In den 1930er Jahren ließ sich die Familie König auf dem Grundstück nieder, um ein neues Leben aufzubauen. Aufgrund des Zweiten Weltkriegs konnten sie ihre Träume jedoch nie realisieren. „Sie haben 50 Jahre unter sehr bescheidenen Umständen gelebt“, erzählt Sonnemann. Abendbeleuchtung und Komposttoilette: „Das ist das tatsächliche Leben“ Seit seiner Übernahme des Grundstücks im Jahr 1990 hat er eigenhändig zwei Lehmbauten errichtet. Ein Grundofen sorgt auch an kalten Wintertagen für Wärme in seinem Wohnraum. Wasser holt Sonnemann aus einer nahe gelegenen Quelle, eine Abfalltoilette kümmert sich um die biologische Zersetzung der menschlichen Ausscheidungen. Eine Photovoltaikanlage versorgt die Scheune neuerdings während der Sonnenstunden mit Strom. Zusätzlich zu weiteren Hütten und Gewächshäusern berichtet Sonnemann nicht ohne Stolz: „Das wurde größtenteils in meiner Zeit errichtet“. In seiner Art lebt die Menschheit bereits seit Jahrtausenden. Als Aussteiger der Gesellschaft betrachtet sich der 57-Jährige deshalb nicht: „Aus meiner Perspektive ist das das tatsächliche Leben. Ich habe mich in ein eigentlich menschliches Leben integriert.“ Nicht Wecker, Arbeitgeber oder Termine bestimmen seinen Alltag, sondern Sonnenstunden, Wetter und Pflanzen. Bereits als junger Mann war ihm bewusst, dass er sich ein ganz andersartiges Leben als die Mehrheit der Gesellschaft wünscht. Seine anfänglichen Vorstellungen davon beschreibt er als undeutlich. „Aber ich bin authentisch geblieben und habe im Laufe der Zeit meinen Weg gefunden“, sagt Sonnemann zufrieden. Die Königsfarm bietet ihm die Möglichkeit, sich frei zu entfalten und das Grundstück nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Sonnemann nutzt seine Flächen, um alte und seltene Pflanzensamen zu bewahren und zu vermehren. Sie waren lange Zeit weniger Handelsware als vielmehr Familienbesitz: lokal gewonnen und an die örtlichen Bedingungen angepasst. Umso mehr stört sich Sonnemann an der Industrialisierung dieses Sektors. „Das hat nichts mehr mit dem ursprünglichen Pakt zwischen Mensch und Pflanze zu tun“, kritisiert er. Zudem ist die Vielfalt verloren gegangen. Friedmunt hat das Ziel, die Vielfalt vergangener Zeiten wiederherzustellen In Sonnemanns Repertoire finden sich zum Beispiel alte Landesarten wie der Alte Hunsrücker Schnittmangold. „Er verfügt über eine bemerkenswerte Winterhärte“, sieht der Saatgutgärtner den größten Vorteil. Auch den Huacatay aus Bolivien hat er hier als Nutzpflanze etabliert oder mit einem alten amerikanischen Stärkemais Sortenentwicklungsarbeit geleistet. Dafür arbeitet er neben den örtlichen Gegebenheiten mit kosmischen Rhythmen nach Georg W. Schmidt. Anfangs hat er auch viel von anderen Saatgutgärtnern wie Ludwig Watschong gelernt und gibt nun sein Wissen weiter. Nur noch wenige könnten beispielsweise das Saatgut mit einem Schwingsieb reinigen. „Früher habe ich dafür teilweise tagelang gesessen, jetzt geht es recht schnell“, sagt Sonnemann. Maschinen könnten das zwar schneller, seien aber teurer – und Dinge wie Kredite lehnt er ab. Vor allem die ersten Jahre waren entbehrungsreich, erinnert sich Sonnemann. „Vieles war Versuch und Irrtum“, sagt er über die Anfangszeit, was auch für den Hausbau galt. Wichtig war ihm, das Grundstück als Teil der Natur zu gestalten. „Ich habe früh gelernt, mit Bescheidenheit leben zu können“, sagt er. Mit der Pflanzenkunde und dem Gärtnern hingegen hat er sich seit seiner Jugend auseinandergesetzt und in drei Jahrzehnten viel dazugelernt. Mit Mutter-Erde-Saaten hat er nun eine Firma gegründet, um die Samen zu verkaufen. Er möchte sich von seinem alten Beruf trennen, sagt Sonnemann. Doch sein Ziel bleibt: „Die Vielfalt vergangener Zeiten in die Gärten zurückzubringen.“

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