Tuesday, April 16, 2024
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Ein Gedenken von Ulrich Reitz: Schäuble war ein Nationalist – doch ohne ihn hätten wir jetzt eine bessere Regierung

Kurz nach dem Mordversuch bringt Helmut Kohl ein Geschenk für Wolfgang Schäuble mit. Es ist eine Biografie über Franklin Delano Roosevelt, den amerikanischen Präsidenten, der auf einem Rollstuhl saß. Kohls Botschaft an Schäubles Krankenlager in der Reha-Klinik Karlsbad-Langensteinbach ist ein Trost: Wenn ein Rollstuhlfahrer Präsident dieser energiegeladenen amerikanischen Nation sein kann, kann auch Schäuble, obwohl schwer verwundet, noch alles werden.

Und Schäuble? Erwidert hart und schnörkellos: „Der hatte Kinderlähmung, das ist etwas anderes.“

Schäuble braucht nur einen Satz für die doppelte Botschaft: Du, Helmut, magst zwar Historiker sein, aber diese Geschichte hast du nicht verstanden. Und: Roosevelt im Rollstuhl? Mich hat es härter getroffen, und darum bin ich auch besser. Man kann nicht arroganter sein. Aber Schäuble hat eben auch recht.

Sehen Sie im Video die wichtigsten Stationen im Leben von Wolfgang Schäuble.

Wolfgang Schäuble: Wer derart unnachgiebig handelt, gewinnt im Leben nicht viele Freunde

Roosevelt war fast sein ganzes Leben behindert. Anders das Attentatsopfer: Schäuble wird 1990, neun Tage nach der Wiedervereinigung, in der Gaststätte „Bruder“ in Oppenau von dem Psychopathen Dieter Kaufmann mit zwei Schüssen, einen in den Kiefer, einen ins Kreuz, buchstäblich von den Beinen geholt. (Den dritten Schuss fängt Schäubles Bodyguard ab.)

Damals ist Schäuble 48 Jahre alt, begeisterter Tennisspieler und Läufer, ein bewegungsfreudiger Mensch, von nun an und für immer vom dritten Brustwirbel an abwärts gelähmt.

Drei Jahre später beginnt er mit dem Fahrradfahren, auf einem Gefährt, das man heute oft auf den Straßen sieht, damals, im März 1994, ist es eine Rarität. Anfangs schafft Schäuble mit dem handgetriebenen Rolli ein paar Meter, sein Lungenvolumen ist seit den Schüssen drastisch verringert. Deshalb spricht er seitdem auch so leise. Was seine Autorität in großen Sälen vor großem Publikum nur erhöht. 

Zur Persönlichkeit Wolfgang Schäubles von hier aus. Der Mann ist für viele einfach eine Zumutung, weil er sich selbst Schwächen nicht erlauben will und sie anderen auch nicht verzeiht. Wer derart unnachgiebig handelt, gewinnt im Leben nicht viele Freunde.

Im Alleingang hindert Schäuble als einflussreiche Person der CDU Söders Kanzlerkandidatur

Eine Schwäche, die außerhalb der Politik und ihren verschworenen Machtzirkeln zu Schäubles Stärke wird – wohl die meisten Menschen haben Schäuble für seine Willensleistung mehr als nur respektiert. Sie hätten ihn gerne zum Bundeskanzler gewählt oder, später, zum Bundespräsidenten. Beides haben, dies fürs Geschichtsbuch, zwei CDU-Vorsitzende verhindert, Schäuble als Kanzler Helmut Kohl, und Schäuble als Präsident Angela Merkel.  

Einmal überzeugt, gibt Schäuble niemals auf und der letzte, der dies in Schäubles Leben erfahren muss, heißt Markus Söder. Schäuble hat Geschichte geschrieben, öfter als andere, und dieses Mal ist es wieder so weit. Im Alleingang hindert Schäuble als einflussreiche Person der CDU die Kanzlerkandidatur des CSU-Vorsitzenden, im Kern mit zwei Argumenten, die viel aussagen über ihn selbst: 

In Deutschland dürfe kein Populist Kanzler werden, und, wirklich bemerkenswert: Die CDU sei zu schwach, um einen CSU-Kandidaten zu ertragen.

Wer es dramatisch mag: Wolfgang Schäuble hat Olaf Scholz erst möglich gemacht

Man kann dies natürlich nicht wissen, aber: Gerade Armin Laschets unglückliche Kandidatur legt den Schluss nahe, dass Markus Söder wohl Bundeskanzler geworden wäre. Und heuteeine Vereinigung mit den Grünen und der FDP leiten würde. Für diejenigen, die es dramatisch mögen: Wolfgang Schäuble ist derjenige, der Olaf Scholz erst ermöglicht hat.

Schäuble ist ein deutscher Verfechter, und das hat überhaupt nichts Rechtes. Während er noch in seinem Zuhause in Gengenbach lebt, fährt er an Wochenenden mit seiner Frau Ingeborg auf das Geroldseck, von wo aus man weit über das Land hinweg bis Frankreich sehen kann. Das Deutsch-Französische ist Schäuble keine Herzensangelegenheit, dazu ist es ihm zu wichtig. Es ist eine Angelegenheit des Verstandes, eine Lehre aus der Geschichte: 

Schäuble kann sich Deutschland nur in Europa vorstellen, was ihn verbindet mit: Helmut Kohl und Konrad Adenauer. Ohne ein europäisches Deutschland keine Wiedervereinigung – Schäuble ist Verfechter, kein Nationalist. Das ist seine Brandmauer. Das Verfechter-Sein hat tiefgreifende Folgen für die Bundesrepublik.

Als Mann der Ordnung und der Regeln beabsichtigt Schäuble die Griechen aus dem Euro zu entfernen

Als Verfechter erspart er Deutschland eine neue Verfassung, wie sie sich 1989/90 viele DDR-Bürgerbewegte erhofften. Als Verfechter organisiert Schäuble als bedeutendster Macher im Hintergrund – so etwas wie Kohls Premier – die Wiedervereinigung als „Beitritt“ der DDR. Nicht als „Neugründung Deutschlands“, was nach dem Grundgesetz-Artikel 146 möglich gewesen wäre. 

Richard von Weizsäcker, also nicht irgendjemand, sondern ein respektierter Grandseigneur der Christdemokraten und deutscher Ex-Präsident, hätte es sich damals anders gewünscht. Roman Herzog, damals im Amt, ist auf Schäubles Seite. Der Spitzenjurist, viele Jahre Präsident des Bundesverfassungsgerichts, weiß: Eine neue Verfassung bedeutet Unvorhergesehenes. Eine neue deutsche Nationalhymne wäre noch das Harmloseste gewesen. 

Als Mann der Ordnung und der Regeln, des Preußischen und des Protestantischen, beabsichtigt Schäuble die Griechen aus dem Euro zu entfernen. Als Mann der Ordnung und der Regeln und der Gerechtigkeit (nicht der „sozialen Gerechtigkeit“, mit der man Geld für alle Mögliche loseisen kann) führt er die „Schwarze Null“ ein. Die Linken in allen Parteien erkennt man daran, dass sie genau diese Großtat Schäubles wieder abschaffen wollen.

Schäuble schillert – die Linken betrachten ihn als rechts und die Rechten als links

Dass Schulden von heute die Steuererhöhungen von Morgen sind, hat Schäuble bei seinem Doktorvater Rittner gelernt. Und das Ordoliberale – nicht zu verwechseln mit dem Neoliberalen – ist 50 Jahre lang Schäubles ökonomisches Geländer. Man findet es – die liberale Freiburger Schule – in seinen vielen Reden und seinen vielen Büchern immer wieder. 

Deutsche Politik wird heute aus Berlin gemacht – war das angesichts der heute wieder weit verbreiteten Neigung, andere Länder rasselnd belehren zu wollen, wirklich eine gute Entscheidung?

Schäuble und nur er hat diese wegweisende Bundestagsentscheidung zu verantworten. Als der CDUler seine vielleicht bedeutendste Rede im alten Bonner Wasserwerk beendet hat, erhebt sich Willy Brandt, um Schäuble zu gratulieren. Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin weiß: Jetzt hat Bonn verloren. 

Schäuble schillert – die Linken betrachten ihn als rechts und die Rechten als links. Er, und nicht der Bundespräsident Christian Wulff, ist der erste, der die Feststellung trifft, der Islam gehöre zu Deutschland. Da ist Schäuble Bundesinnenminister und leitet die erste Islamkonferenz. Ich habe ihn Jahre später einmal entre nous gefragt, ob er dies wirklich ernstgemeint habe. Schäuble antwortete: „Ich musste ein Zeichen setzen.“ Heute sieht es danach aus, als ob es ein Fehler war.

Schäuble hat sich, wo er konnte, immer mit den Stärksten umgeben

Es ist eine alte Regel: Starke holen Starke, Schwache holen Schwache. Schäuble hat sich, wo er konnte, immer mit den Stärksten umgeben, ob nun als Machtorganisator für Kohl in der Rolle als Geschäftsführer der Fraktion und als deren Chef, als Innenminister oder als Finanzminister und – zuletzt: als Parlamentspräsident. Das Parteipolitische ist ihm dabei im Zweifel gleichgültig. Dahinter steckt die Wahrheit von Jahren, dass es wohl auch nur Starke mit ihm, dem gnadenlosen Perfektionisten, aushalten können. 

„Niemand prägte die Politik der letzten 50 Jahre so wie Wolfgang Schäuble“, urteilt die „FAZ“. Unterm Strich stimmt das wohl. 

Einige Zeit nach dem Attentat nimmt Schäuble mich für Focus-Reportagen in seinem Dienst-BMW mit zu abendlichen Wahlkampfeinsätzen quer durch Deutschland. Wie lange man mit so einer Verletzung eigentlich leben könne, frage ich ihn. „Fünf Jahre, vielleicht zehn“, antwortet er. Es sind dann doch noch 30 geworden.  

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