Sunday, April 14, 2024
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Ein Rechenweg zeigt, warum es sofort notwendig ist, in die Bewahrung des Klimas zu investieren – so Ökonomen Michael Hüther und Thilo Schaefer

Die Klimakonferenz in Dubai, die zur 28. Mal stattfand, endete mit einem bekräftigten Abschied von fossilen Brennstoffen. Einige sehen dies als Erfolg oder gar als Durchbruch an, trotz des Widerstands, insbesondere des Gastgeberlandes und seiner Nachbarländer, deren wirtschaftliches Modell in hohem Maße von fossilen Energieträgern abhängig ist.

Jedoch betrachten einige das Ergebnis kritisch, da die Formulierungen in der Abschlusserklärung eher vage und nicht sehr verbindlich sind. Beide Standpunkte sind in gewisser Weise zutreffend: Denn eine Bekenntnis der Weltgemeinschaft, dass eine Abkehr von der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle erforderlich ist, um den durch den Menschen verursachten Klimawandel einzudämmen, bedeutet für viele Teilnehmerländer auch eine Abkehr von einem äußerst erfolgreichen und profitablen Geschäftsmodell.

Vor dem Hintergrund der in Paris gesetzten Ziele ist die vage Ankündigung eines Rückzugs nicht ausreichend. Um das Ziel einer Begrenzung auf 1,5 Grad zu erreichen, wäre eine drastische Reduzierung der Verbrennung fossiler Brennstoffe erforderlich. Dies ist jedoch recht unrealistisch.

Deutschland droht ebenfalls beträchtlicher Schaden

Für zahlreiche Staaten sind bereits die Auswirkungen des massiven Ausstoßes von Treibhausgasen aus dem Industriezeitalter in Form von häufigen Überschwemmungen, Bränden und Dürren spürbar. Die Folgen des Klimawandels führen zu Gesundheitsschäden und sind ein wesentlicher Grund für Wanderungsbewegungen. Sie verursachen auch enorme Kosten für den Wiederaufbau von Gebäuden und Infrastruktur.

Nicht nur die Schäden aufgrund von Extremwetterereignissen, sondern auch Ertragsausfälle in der Land- und Forstwirtschaft oder Einschränkungen in der Verkehrsinfrastruktur bei Hoch- oder Niedrigwasser machen sich in volkswirtschaftlichen Kosten bemerkbar. In anderen Teilen der Welt sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich schwerwiegender. Dennoch sind auch in Deutschland beträchtliche Schäden zu erwarten: Laut einer im Frühjahr 2023 vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichten Studie belaufen sich die Kosten hier allein bis zum Jahr 2050 in heutigen Preisen auf mindestens 280 bis 900 Milliarden Euro, aufgrund verschiedener Szenarien je nach Ausmaß des Klimawandels.

Die Zahlung von 100 Millionen Euro durch Deutschland ist vergleichsweise gering

CO2 und andere Treibhausgase wirken sich weltweit auf das Klima aus, unabhängig vom Ort der Emission. Insofern tragen die in Deutschland emittierten Treibhausgase zu globalen Klimaschäden bei. Aufgrund seiner starken energieintensiven Industrie ist Deutschland historisch einer der größten Verursacher weltweit. Daher erscheint die Einzahlung Deutschlands von 100 Millionen Euro in den “Loss and Damages Fund” vergleichsweise gering, insbesondere angesichts der weitaus umfangreicheren Schäden an anderen Orten weltweit.

Die Schwere des Klimawandels und seine Folgen hängen davon ab, wie erfolgreich die Emissionen von Treibhausgasen vermieden werden. Daher sind zunächst Investitionen erforderlich, damit die Energieproduktion, Industrie, Fahrzeuge und Heizungen weniger CO2 und andere Treibhausgase emittieren – sei es durch den Aufbau von Wind- und Sonnenenergieanlagen und entsprechenden Leitungen oder die Nutzung von Elektrolyseuren, Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen zur Nutzung dieser erneuerbaren Energie.

Die Kalkulation mit einem Euro

Dies gilt auch im großen Maßstab für viele Industrieanlagen, die für die Nutzung klimafreundlicher Energie umgerüstet oder sogar neu gebaut werden müssen. Die dafür erforderlichenInvestitionsausgaben übersteigen oft den Rahmen regulärer Erhaltungs- und Erneuerungsarbeiten, besonders wenn teilweise noch nicht abgeschriebene Anlagen ausgetauscht werden müssen.

In wirtschaftlichen Modellen ist jeder zusätzliche Euro für den Klimaschutz effizient, wenn dadurch genug Emissionen vermieden werden, um mindestens einen Euro an zusätzlichen Folgekosten einzusparen. Obwohl dies in der Praxis nicht einfach bei Klimaschutzinvestitionen zu messen ist, verdeutlicht dieser Ansatz den Zusammenhang zwischen Maßnahmen zur Emissionsvermeidung und den Folgekosten.

Mehr Kosten durch spätere Investitionen

Dies beinhaltet auch eine zeitliche Komponente, denn je früher Treibhausgase vermieden werden, desto geringer fallen die Klimafolgekosten aus. Je mehr Emissionen heute und in den nächsten Jahren ausgestoßen werden, desto weniger ist es in den folgenden Jahren möglich, die in Paris festgelegten Ziele zu erreichen.

Technologische Lernkurveneffekte sind ein weiterer Aspekt der zeitlichen Dimension. Viele umweltfreundliche Technologien sind zu Beginn teuer, können aber durch zunehmende Marktdurchdringung Skaleneffekte erzielen und an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Daher verursacht das Hinauszögern von Investitionen, die Emissionen senken, volkswirtschaftliche Mehrkosten. Diese Kosten des Wartens steigen im Verlauf der Zeit kontinuierlich an.

Daher ist es auch im Sinne der Generationengerechtigkeit notwendig, die Transformation hin zur Klimaneutralität so schnell wie möglich voranzutreiben. Ein Zuwarten verschiebt nicht nur die Transformationskosten in die Zukunft, sondern häuft zusätzliche Schadenskosten an.

In diesem Sinne argumentierte das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil aus 2021, das vor allem auf die intergenerationelle Verteilung der Lasten von Klimaschutz und -folgen abzielte und entsprechend frühzeitige Maßgaben für die Ausgestaltung der Treibhausgasreduktion einforderte. Anders ausgedrückt: Die heutigen Generationen dürfen den zukünftigen nicht übermäßige zusätzlichen Klimaschulden auferlegen.

Skaleneffekt als Rettung

Ein Hindernis für eine radikal schnelle Umsetzung ist vor allem die internationale Dimension. Denn angesichts der globalen Auswirkungen der Treibhausgase ist es kontraproduktiv, CO2-intensive Produktion an einem Ort herunterzufahren, nur damit sie an anderen Orten ausgeglichen wird. Außerdem begrenzt es eine stark industriebasierte Volkswirtschaft wie die deutsche in ihrer Fähigkeit, die für die Transformation notwendigen Investitionen in Technologie und Infrastruktur zu tätigen.

Wenn es jedoch gelingt, umweltfreundliche Technologien zu entwickeln und marktfähig zu machen, sodass sie weltweit eingesetzt werden können, ist das förderlich für den globalen Klimaschutz. Beispiele hierfür sind die beträchtlichen Skaleneffekte, die bei PV- und Windkraftanlagen realisiert werden konnten und sich in fallenden Preisen niederschlagen. Lediglich die Finanzierung des Markthochlaufs – die im Falle
der Photovoltaik
größtenteils von den deutschen Stromverbrauchern großzügig übernommen wurde – bleibt dann zu klären.

Die stärksten Konkurrenten der umweltfreundlichen Energieerzeugung und Produktion sind deren konventionelle Gegenstücke, die immer noch von günstigen fossilen Brennstoffen abhängen. Vor diesem Hintergrund ist eine weltweite Abkehr von fossilen Brennstoffen, wie sie in der Abschlusserklärung von Dubai benannt wird, im Grunde genommen die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die klimaneutrale Transformation weltweit eine Chance hat.

Wie sich dies jedoch in konkreten Maßnahmen äußert, insbesondere in Ländern, in denen Emissionen bisher nicht begrenzt und besteuert wurden, ist noch völlig unklar. Ohne eine internationale Koordination der klimapolitischen Ansätze stehen Standorte mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Ambitionsniveaus im Wettbewerb, und Investitionen in umweltfreundliche Lösungen werden nur dort getätigt, wo klimapolitische Anreize gesetzt werden. Dabei ist Geld zur Emissionsvermeidung gut angelegt. Jeder Tag des Wartens erhöht die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels – weltweit.

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