Sunday, April 14, 2024
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„Identitäre versorgen die AfD mit Ideen“: „Man titulierte ihn Nazi-Hipster“ – Informant erläutert rechte Denkweise von Martin Sellner

Der Schriftsteller und Kabarettist Florian Schroeder ist Martin Sellner (35), dem Kopf der „Identitären Bewegung“, mehrmals begegnet. Und offenbart seine überaus gefährlichen, rechtsextremen Gedankengänge.

Seit den Berichten über das geheime Treffen der Rechten in Potsdam ist Deutschland aufgeschreckt, Tausende demonstrieren an diesem Januar-Wochenende gegen die AfD und rechtsextreme Agitatoren. Doch wer sind die „Identitären“, die dabei eine bedeutende Rolle spielen?

EXPRESS.de sprach mit dem Kabarettisten und Schriftsteller Florian Schroeder (44), der in seinem Bestseller „Unter Wahnsinnigen – Warum wir das Böse brauchen“ (dtv Verlag) ein Kapitel über die Identitären und ihren Anführer, den Österreicher Martin Sellner, gewidmet hat.

Florian Schroeder: „Man nannte sie früher ‚Nazi-Hipster‘“

„Identitäre Bewegung“ klingt so unbedenklich. Was verbirgt sich tatsächlich dahinter?

Florian Schroeder: Die Identitäre Bewegung strebt danach, als Vorhut für rechtsextreme Parteien wie der AfD den Weg zu bereiten und eine neue rechte Identität aufzubauen. Sie erledigen die Arbeit, die die AfD benötigt. Die Unbedenklichkeit wird bewusst gewählt, man nannte sie früher Nazi-Hipster. Sie möchten auf junge Leute und auf diejenigen, die nicht unbedingt rechtsextreme Wähler sind und skeptisch sind, anschlussfähig sein.

Was ist ihr Ziel?

Florian Schroeder:  Ihr Ziel ist es, dass wir die Neuen Rechten, wie sie sich selbst nennen, nicht mit den Alten Rechten verwechseln. Ihnen geht es nicht um eine Offensive, sondern um die Verteidigung der europäischen oder deutschen Identität, die durch die Migration, also durch Menschen anderer Identitäten, die ins Land kommen, zerstört zu werden droht. Und zwar, weil diese uns austauschen wollen. Das ist ein Verschwörungsmythos und völlig unbegründet.

Auch die Worte, die die Rechten benutzen, klingen zunächst unverfänglich. Erst nach längerer Überlegung wird deutlich, dass dahinter Böses steckt.

Florian Schroeder: Stimmt, man sollte immer ein Wörterbuch dabei haben. Begriffe wie „Remigration“, „Großer Austausch“, „Globalismus“, „Assimilation“ müssen immer zuerst zurückübersetzt werden. Jetzt haben die Rechten den Begriff „Remigration“, der in der Migrationsforschung eigentlich eine seriöse Bedeutung hat, für sich vereinnahmt und für ihre eigenen Zwecke umgedeutet.

Während der Vorbereitung für Ihr Buch haben Sie sich mit Martin Sellner, dem Anführer der Identitären Bewegung, getroffen. Er wirkt oft so, als könne er keinem etwas zuleide tun. Wie ist er wirklich?

Florian Schroeder:  Das ist eine Inszenierung. Doch Sellner ist nicht so. Er ist eine Art Poster-Boy, der bei älteren Frauen gut ankommt, ein im Umgang sehr höflicher, zugewandter, charmanter Mann, aber auch sehr zurückhaltend, manchmal fast unterwürfig. Das entspricht nicht unseren Erwartungen. Bei rechtsextremen Personen denken wir an Springerstiefel und die NPD. Die gibt es natürlich auch – doch sie möchten sich von diesem Image distanzieren. Sie streben danach, eine Art intellektuelle Vormachtstellung zu erlangen. Sellner soll der Typ sein, mit dem auch jüngere Generationen erreicht werden können. Was mittlerweile schwieriger ist, da er auf beinahe allen Social-Media-Plattformen gesperrt ist.

Worum ging es in Ihren Gesprächen?

Florian Schroeder:  Ich habe jahrelang von ihm das gehört, was er jetzt auch in Potsdam gesagt haben muss. Europa ist eine Scheindemokratie, der Universalismus ist totalitär, Menschen sollen da bleiben, wo sie herkommen, sonst müsse man dafür sorgen. Er betont ständig, dass dies gewaltlos geschehen müsse. Eine Ablenkungsmasche. Wie wollen Sie Millionen Menschenrückzuführen? Kann nur mit Gewalt geschehen.

Florian Schroeder erzählt von Versammlungen zur Rekrutierung

Sie nahmen auch an einem Treffen zur Rekrutierung in einer Berliner Kneipe teil. Wer war zugegen?

Florian Schroeder:   In meiner Anwesenheit waren 20-jährige Burschenschaftler im Saal, welche den Eindruck machten, als wären sie direkt von der Hitler-Jugend in die gegenwärtige Zeit transportiert worden, daneben aber auch “ganz normale” Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, wie etwa Unternehmensberater oder Lehrer, und natürlicherweise einige Individuen aus dem Hau-Drauf-Milieu.

Wann und wie fand Ihre letzte Begegnung statt?

Florian Schroeder:   Das letzte Zusammentreffen war im Juni 2023. Sellner war wieder in guter Stimmung nach einer längeren Phase des Misserfolgs für die rechte Bewegung.

Welche Misserfolge meinen Sie?

Florian Schroeder:  Bevor das Thema Migration jetzt wieder an Bedeutung gewann, hatten die Rechten keine Themen und Orientierung mehr. Corona, der Ukraine-Krieg, der Israel-Konflikt – sie wussten nie, auf welcher Seite sie stehen sollten. Sellner war selbst auch sehr unentschlossen und hielt sich aus den Debatten dazu heraus. Als sich dann aber die Inflation abzeichnete und die Migrationsdebatte wieder an Fahrt gewann, nutzten sie das für sich und schlugen erneut voll zu.

Drängen die Identitären die AfD eines Tages komplett nach rechts?

Florian Schroeder:  Ich glaube nicht, dass die Identitären sehr stark werden. Das waren sie nie – sie waren immer klein und strategisch wichtig, jedoch nicht groß. Viele von Sellners Projekten sind ja auch gescheitert, darunter auch das Vorhaben, die Bewegung zu vergrößern. Dennoch sehen wir, dass die AfD sich immer weiter nach rechts bewegt. Identitäre wie Sellner wirken dabei wie kreative Vorbilder.

Glauben Sie, dass die AfD auch ohne die Identitären so gute Umfrage-Werte hätte?

Florian Schroeder: Wohl eher nicht. Die Identitären versorgen die AfD mit Sprache und Ideen, die oft auch über die Parteipolitik hinausreichen.

Florian Schroeder über “besorgniserregend hohe” Umfragewerte der AfD

Würde es der AfD besser gehen, wenn sie eine Führungspersönlichkeit wie Sellner an der Spitze hätte?

Florian Schroeder: Möglich. Bisher hatten wir das Glück, dass innerhalb der AfD keine charismatischen Figuren tätig sind. Umso besorgniserregender, dass sie dennoch derart hohe Werte haben.

Wir sprechen heutzutage so oft von Verboten. Sollte man Martin Sellner nicht mit einem Einreiseverbot belegen?

Florian Schroeder:  Solange er keine Straftaten begeht, hat er das Recht auf Reisefreiheit. Dies ist ein wichtiges demokratisches Gut. Viel bedeutender finde ich hier das Signal, das diverse Social-Media-Plattformen gesetzt haben, indem sie ihn gesperrt haben. Selbst X unter Elon Musk wollte ihn nicht zurück. Darin zeigt sich: Die Sozialen Netzwerke, die oft auch als Brutstätten des Wahnsinns bezeichnet werden – und das nicht zu Unrecht – ergreifen gelegentlich Maßnahmen.

Sie schreiben und sprechen über Sellner. Sollte man seinen Namen nicht besser verschweigen, damit er und seine Ideen nicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Florian Schroeder:  Das Ignorieren ist niemals sinnvoll. Das Verdrängte kehrt zurück und dann umso machtvoller. Das wissen wir aus der Psychologie. Der Organismus stärkt seine Abwehrkräfte nicht, indem er sich vor den Erregern versteckt, sondern indem er sich ihnen aussetzt, um gegen sie immun zu werden. Das Gift aufnehmen, um ihm widerstehen zu können.

“Besorgniserregend, dass wir an einem gefährlichen Punkt stehen”

Ist das Team Rechtsaußen Sellner/Weidel/Chrupalla gut für einen Kabarettisten?

Florian Schroeder:  Was das Material angeht, auf jeden Fall. Meine Einflussmöglichkeiten sind dabei sicher begrenzt. Ich kann nur mit den Mitteln der Unterhaltung aufklären, zeigen, wohin es führt, wenn man diese Leute unterstützt.

Glauben Sie, dass 30 Prozent der Deutschen – wie es Umfragen sagen – rechtsradikal sind und wir vor einem Wendepunkt stehen?

Florian Schroeder:  Nach allem, was wir wissen, haben wir genau diesen Anteil an Menschen, die ein latentes oder gefestigtes rassistisches Weltbild haben. Das Anziehende an rechten Extremisten ist, dass sie in Zeiten des Kontrollverlusts neue Kontrolle versprechen. Der Preis, den wir bezahlen würden, wäre hoch – unsere Freiheit. Meine Sorge ist groß, dass wir tatsächlich an einem gefährlichen Punkt stehen.

Von Horst Stellmacher

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