Tuesday, April 16, 2024
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Sultan Ahmed Al-Jaber: Gerade ein Ölmagnat ist nun die größte Klimaanliegen

Vom Donnerstag an, begrüßt das Emirat Dubai UN-Delegierte aus 198 Ländern und zahlreichen NGOs, sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen, zur Weltklimakonferenz. Das Treffen, genannt “COP28” in Fachkreisen, findet somit in einem Emirat statt, das hauptsächlich von der Förderung von Öl und Gas profitiert. Es könnte nicht fossiler sein.

Sultan Ahmed al-Jaber, Industrieminister der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und zugleich Chef der staatlichen Ölgesellschaft Adnoc, fungiert als Gastgeber. Einige der deutschen Besucher sehen darin einen Widerspruch. Liegen sie richtig?

 

Traumhafter Aufstieg

Rund 80.000 Menschen werden in Dubai zur Klimakonferenz erwartet – eine enorme logistische Herausforderung für das Emirat mit seinen etwa 3,6 Millionen Einwohnern. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung sind keine Staatsbürger, sondern arbeitende Einwanderer aus Asien und Afrika mit begrenzten Rechten. Ohne sie wäre der Wüstenstaat weder in der Lage, hunderttausende Fass Öl pro Tag zu fördern, noch die spektakulären Bauprojekte zu realisieren, für die Dubai bekannt ist: Von rekordverdächtigen Wolkenkratzern bis zu künstlichen Luxusinseln, ebenso wie die weltgrößten Solarparks. Für ein Land, in dem es bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch Hungersnöte gab, ist dies ein traumhafter Aufstieg.

Nun sollen die Delegierten der COP28 (Conference of the Parties) nicht nur Fortschritte bei der Nutzung nicht-fossiler Energien und der Reduzierung des CO2-Ausstoßes erreichen, sondern auch als eines der vordergründigen Ziele festlegen, dass Schwellen- und Entwicklungsländer auf dem Weg des wirtschaftlichen Aufstiegs möglichst die “fossile Phase” der heutigen Industrienationen überspringen oder verkürzen.

Die umfangreiche Bestandsaufnahme

Hinzu kommen zahlreiche weitere Absichtserklärungen, über die Kritiker behaupten, sie seien bereits das Ergebnis. Bemühungen, das global angestrebte Ziel einer Erwärmung um 1,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu erreichen, seien bereits in den Hintergrund gerückt. Die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 gelten nach wie vor unverändert, jedoch bedarf es erheblicher zusätzlicher Anstrengungen, um sie zu erreichen. Immerhin besteht Konsens zwischen den Umwelt-NGOs und dem UN-Klimarat.

 

Erstmals unternimmt die Klimakonferenz diesmal einen “Global Stocktake”, eine Bestandsaufnahme über den Fortschritt, den die Welt im Sinne der Pariser Vereinbarungen gemacht hat, und was noch getan werden müsste. Doch derzeit sieht es wenig hoffnungsvoll aus. Dinge, die dringend getan werden müssen, weil man auf diesen Gebieten zurückliegt, sind so vielfältig wie ein Stopp der Abholzung von Regenwald und gleichzeitig die Umstellung der Landwirtschaft auf klimaverträglichere Produktion.

Wenn der Vorstandsvorsitzende von VW das Umweltbundesamt leitet

Der weitere Unmut der über 3000 anreisenden NGOs, überwiegend aus den westlichen Industrieländern stammend, konzentriert sich diesmal vor Beginn der zwölftägigen Konferenz weniger auf die ausrichtende Organisation der Vereinten Nationen oder deren zu gemächliches Tempo, sondern auf den Austragungsort Dubai und sein politisches und wirtschaftlich verantwortliches Personal.

Greenpeace Deutschland äußerte sich dazu mit dem Vergleich: “Das ist so, als ob das Umweltbundesamt vom Vorstandsvorsitzenden von VW geleitet würde” – was angesichts der Elektroauto-Neuausrichtung des Wolfsburger Konzerns gar nicht mehr so überraschend wäre. Die UN vergeben jedoch den Gipfelort unter Berücksichtigung anderer Qualitäten: Die Kapazität des Landes muss ausreichen, und es sollten diein verschiedenen Teilen der Welt in Betracht gezogen werden. „Wir werden einen praktischen, realistischen und lösungsorientierten Ansatz annehmen, der bedeutende Fortschritte für das Klima und ein wirtschaftliches Wachstum mit niedrigem Kohlenstoffgehalt ermöglicht“, gab al-Jaber bereits zu Jahresbeginn bekannt, als Dubai als Gastgeberort für die Konferenz ausgewählt wurde.

Trotz all des Redegebabbel sehen wohlwollendere Beobachter dabei durchaus konkrete Bezüge. Al-Jaber ist nicht nur CEO des Ölunternehmens, sondern investiert seit Jahren die Gewinne in den Ausbau von erneuerbaren Energien. Dazu gehören die Errichtung von riesigen Solartürmen und die Erforschung von Methoden zur Abscheidung und Speicherung von CO2. Die Verfahren sind umstritten, da sie wenig erprobt und möglicherweise davon ablenken können, den CO2-Ausstoß durch Einschränkungen zu reduzieren. 

Pragmatisches Dilemma

Al-Jabers Ölunternehmen hat allein im letzten Jahr acht neue Ölbohrplattformen in Betrieb genommen und erkundet derzeit ein riesiges Gasfeld in einem geschützten Meeresgebiet, weshalb die NGO „Climate Action Network“ ihm einen feindlichen Übernahmever such bei der UN-Klimakonferenz vorwarf. Die UN könnten allerdings bei der Auswahl des Veranstaltungsorts eine gewisse widersprüchliche Strategie verfolgt haben: Einerseits zählen die Vereinigten Arabischen Emirate zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an fossilen Energieträgern und entsprechend hohem CO2-Ausstoß.

Dubai ist demnach Zweiter hinter Katar; weit abgeschlagen folgen Großverbraucher wie die Vereinigten Staaten. Der jährliche CO2-Ausstoß beträgt derzeit 20 Tonnen pro Person. In Deutschland liegt er nicht einmal halb so hoch, und auch das ist kein Spitzenwert. Andererseits hat sich Dubai das Ziel gesetzt, bis 2050 vollständig klimaneutral zu werden. Das könnte, vermuten Klimaschützer, nicht zufällig mit dem erwarteten Rückgang der Ölvorräte der Emirate zusammenhängen. Insbesondere im Bereich Gas könnten noch viele unbekannte Vorkommen erschlossen werden.

Aus Sicht Dubais wäre es denkbar, selbst nach 2050 keine fossilen Brennstoffe mehr zu nutzen, diese jedoch weiterhin weltweit zu exportieren. In jedem Fall werden auch nach 2050 Länder weltweit weiterhin auf Erdöl oder Gas angewiesen sein. Nach aktuellen Erkenntnissen gehören dazu China, Indien, Russland und Brasilien. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass der Höhepunkt des Ölverbrauchs weltweit erst 2030 erreicht werden könnte. Wie schnell es danach mit der Nutzung bergab gehen wird, ist unklar.

Die fordernden Ansprüche aus Deutschland

Noch mehr Anlass, alle technischen Möglichkeiten zur Verringerung von CO2 zu nutzen, gibt es laut Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW Köln): „Die politisch oft geforderte Umgestaltung unseres Wirtschaftsmodells hin zur Klimaneutralität von Produktion und Konsum erfordert effiziente Lösungen und die Bereitschaft, alle verfügbaren und zukünftig zu erwartenden technologischen Optionen zu nutzen.“

Dies plädiert nicht nur dafür, weltweit offen für neue Entwicklungen zu sein, insbesondere in Bezug auf CO2-Abscheidung, -vermeidung und -speicherung. Es ist vor allem an Deutschland gerichtet, das bis 2045 vollständig klimaneutral werden will und seinen Strom schon viel früher, bis 2035, ausschließlich aus erneuerbaren Quellen beziehen will (80 Prozent bis 2030). Gegenwärtig ist die CO2-Bilanz aus verschiedenen Gründen bekanntlich bestenfalls durchschnittlich – Kohleverbrennung bleibt nach wie vor unentbehrlich, und zusätzliche Gaskraftwerke sind erforderlich. In Bezug auf die Transformation rangiert Deutschland also nicht in der Spitzengruppe weltweit. Die häufig sehr anspruchsvollen Forderungen und Beiträge Deutschlands bei Klimakonferenzen könnten in Dubai daher weniger angemessen sein.

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